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06.10.2026

Psychische Belastung am Arbeitsplatz: Was die EU-Kampagne 2026 für Unternehmen bedeutet

Psychische Belastung am Arbeitsplatz bezeichnet alle Einflüsse aus der Arbeit, die auf die Psyche der Beschäftigten wirken, etwa Zeitdruck, unklare Rollen oder fehlende Anerkennung. Nicht jede Belastung ist schädlich, entscheidend ist das Ausmaß. 2026 rückt das Thema durch die neue EU-Kampagne stärker in den Fokus. Für Unternehmen ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung ohnehin gesetzliche Pflicht.

Autorenfoto von Isabel Voß
Isabel Voß
Isabel ist Personalpsychologin und Mental-Health-Expertin mit einem besonderen Fokus auf Digital Health. Sie schreibt darüber, wie psychische Gesundheit im Arbeitskontext greifbar und zugänglich wird, ohne in Worthülsen zu enden.
Zwei junge Frauen unterhalten sich ernst miteinander über die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz

Psychische Belastung am Arbeitsplatz ist alles andere als ein Randthema mehr. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach der OSH-Pulse-Erhebung 2025 der Europäischen Arbeitsschutzagentur fühlen sich 37 Prozent der Beschäftigten allgemein erschöpft und 29 Prozent von Stress, Depressionen oder Angstzuständen betroffen. Als Personalpsychologin und psychologischer Coach bei Strong Partners begleite ich Unternehmen bei genau diesem Thema. In diesem Beitrag ordne ich ein, was auf euch zukommt, woran die Umsetzung  scheitern kann und wo ihr wirklich ansetzen könnt, um Stolperfallen zu umgehen. Wer dieses Thema grundsätzlich strukturiert angehen will, findet den Rahmen und erste Impulse dazu in unserem Leitfaden, wie Unternehmen mentale Gesundheit in 90 Tagen aufbauen.

Was psychische Belastung am Arbeitsplatz bedeutet

Der Begriff psychische Belastung ist im Arbeitsschutz zunächst neutral gemeint. Er beschreibt alle Einflüsse, die von außen auf die Psyche einer Person bei der Arbeit einwirken, zum Beispiel Zeitdruck, hohe Verantwortung, unklare Aufgaben oder das soziale Miteinander im Team. Erst wenn diese Einflüsse auch dauerhaft zu hoch oder ungünstig gestaltet sind, wird daraus eine  Überlastung, die dann in Kombination mit anderen Faktoren Krankheiten begünstigen kann.

Wo die Belastung heute am stärksten drückt, zeigt die OSH-Pulse-Erhebung sehr konkret. Die folgende Übersicht fasst die zentralen Ergebnisse zusammen.

OSH-Pulse 2025: Belastung am Arbeitsplatz in Europa

BelastungsfaktorBetroffene Beschäftigte
Starker Zeitdrucküber 40 Prozent
Allgemeine Erschöpfung37 Prozent
Anstrengungen bleiben unbemerktrund ein Drittel
Schlechte Kommunikation oder Zusammenarbeitfast 30 Prozent
Stress, Depressionen oder Angstzustände29 Prozent

Wichtig ist die Erkenntnis dahinter: ein großer Teil dieser Belastungen entsteht nicht durch die Aufgabe selbst, sondern durch die Rahmenbedingungen, unter denen gearbeitet wird. Und es sind genau diese Rahmenbedingungen, die sich gestalten lassen. Wie stark so eine psychische Belastung inzwischen durchschlägt, zeigt sich auch daran, dass psychische Erkrankungen in NRW erstmals der häufigste Krankschreibungsgrund sind.

Die neue EU-Kampagne 2026 bis 2028: psychische Gesundheit rückt mehr in den Fokus

Im Oktober 2026 startet die Europäische Arbeitsschutzagentur EU-OSHA nun ihre mehrjährige Kampagne unter dem Motto Gemeinsam für psychische Gesundheit bei der Arbeit, Prävention psychosozialer Risiken stärken. Der offizielle Auftakt fällt laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in die Europäische Woche vom 19. - 25. Oktober 2026, die Kampagne läuft dann bis 2028.

Ziel ist es, das Bewusstsein für psychosoziale Risiken zu schärfen und Prävention systematisch da im Betrieb zu verankern, wo es bisher noch nicht geschehen ist. Für deutsche Unternehmen trifft die Kampagne auf eine bestehende Pflicht: psychische Belastungen müssen ohnehin Teil einer Gefährdungsbeurteilung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz sein. In der Praxis wird genau der Teil jedoch oft ausgelassen oder aber nur oberflächlich dokumentiert. Wie ihr aus dieser Pflicht ein wirksames Instrument macht, lest ihr im Beitrag zur psychischen Gefährdungsbeurteilung.

Warum viele Unternehmen bei der Umsetzung scheitern

Aus meiner Sicht scheitert die Umsetzung selten am Willen, sondern an mehreren Punkten gleichzeitig. Häufig fehlt das Wissen, wie mit den Ergebnissen einer Gefährdungsbeurteilung überhaupt umzugehen ist. Oft fehlen klare Verantwortlichkeiten - also wer wann was mit den Ergebnissen macht und wer daran beteiligt ist und informiert werden soll. Ich kann das (noch) nicht aus einer eigenen Datenbasis belegen, aber nach meiner fachlichen Einschätzung ist der wichtigste Faktor, wie so oft, eine Frage der Führungshaltung.

Gerade in Betrieben, die es nur pro forma tun, erlebe ich häufig ein Muster:

Sobald das Wort „psychisch" fällt, verlässt die obere Führungsriege gedanklich das Gespräch. Es wird ein Stempel aufgesetzt, vielleicht aus Unsicherheit oder Unwillen. Dann wird weder Budget noch andere Ressourcen bereitgestellt, das Ganze verpufft.

Dahinter steckt oft die Stigmatisierung mentaler Gesundheit. Hinzu kommt, dass Veränderung vielen Angst macht, oft Geld kostet und unangenehme Gespräche mit sich bringen kann. Dabei ist Nichtstun am Ende oft viel teurer, denn psychisch bedingte Ausfälle dauern deutlich länger als körperliche und gehören zu den größten vermeidbaren Kostenpunkten im Unternehmen. In größeren Unternehmen wirkt dem manchmal ein Betriebsrat entgegen, der stellvertretend für die Belegschaft Nachdruck macht, wenn Ergebnisse nicht berücksichtigt werden. Doch kleine Betriebe ohne Arbeitnehmervertretung haben da noch einmal mit anderen Hürden zu arbeiten.

Führung entscheidet: Zuhören statt nur Prozessabarbeitung

Dass Führung dabei eine Schlüsselrolle spielt, ist logisch und gut belegt. Eine systematische Übersichtsarbeit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat über 200 Studien ausgewertet und kommt zu dem klaren Schluss, dass Führungsverhalten eine zentrale Rolle für psychische Gesundheit von Beschäftigten spielt, entweder positiv als Ressource oder negativ als Stressor. Das deckt sich mit meiner Erfahrung und bisherigen Arbeit: ein guter Prozess ist nicht genug, weil es am Ende immer um Menschen geht.

Was mehr bringt als jede Maßnahme auf dem Papier: zuhören. Und damit meine ich kein Hexenwerk, sondern: einfach zuhören. Und unbequeme Antworten und Stille aushalten.

Dazu gehört, ertragen zu können, dass das eigene Unternehmen nicht perfekt ist, und sich als Führungskraft einzugestehen, dass man selbst Fehler macht und dass z. B. fehlende Prozesse negative Auswirkungen auf die Belegschaft haben können. Das lässt sich vielleicht ignorieren, wenn niemand nachhakt - das ist aber genau der falsche Schritt. Aus eigenem Umwissen oder aus Schutz des eigenen Selbstwertes dringliche Anliegen zu ignorieren und wegzulächeln, ist gerade langfristig keine gute Idee. Wer diesen Schritt gar nicht geht, verliert als Unternehmen.

Wer zuhört, kann Überlastung früh erkennen, idealerweise bevor aus dauerhafter Erschöpfung ein längerer Ausfall wird. Worauf ihr hier achten könnt, zeigt der Beitrag dazu, wie sich Burnout im Team früh erkennen lässt. Beim Thema mentale Gesundheit gibt es nämlich nicht den einen Lifehack, sondern viele Baustellen, an denen viele kleine Schritte bereits Wirkung zeigen. Und um sie zu erkennen, muss man zuhören üben. Hier gibts’s weitere Impulse für Führungskräfte.

Verändert die Kampagne wirklich etwas?

Ob sich durch die Kampagne in den Unternehmen tatsächlich etwas verändert, kann ich nicht abschließend beurteilen, denn hinter die Kulissen vieler Betriebe blicke ich nicht und es bleibt zu beobachten, was in der Zeit angeschoben wird. Ein Awareness-Anstoß ist sie auf jeden Fall.

Mehr Unternehmen setzen sich mit dem Thema auseinander - super. Ob das ein echtes Umdenken ist oder eher ein Mitziehen, weil andere es auch tun, kann ich nicht beurteilen.Solange es aber dazu führt, dass mehr Mitarbeiter*innen einen Zugang zu Mental Health Angeboten bekommen und die Stigmatisierung reduziert wird, ist es definitiv ein Gewinn.

Was ich im Raum Münster und in meinem aktuellen Arbeitsbereich aber deutlich sehe: beim Thema Gesundheit in der Ausbildung ist die Nachfrage in den letzten Jahren stark gestiegen und der Fokus wird für die Nachwuchskräfte viel zentraler in die Ausbildung integriert. Hier ist Bewusstsein defintiv da. Die entscheidende Frage bleibt, ob daraus dauerhaftes Handeln wird.

Mentale Ersthelfer und andere Ansätze: was hilft und was nicht

Ein Konzept, das aktuell viel diskutiert wird, sind mentale Ersthelferinnen und Ersthelfer im Betrieb. Ich finde den Ansatz grundsätzlich sinnvoll, wenn die Struktur und die Ressourcen dafür da sind. Entscheidend ist dabei, dass die Person ausreichend ausgebildet ist und ihre eigenen Grenzen genau kennt. Es geht nicht darum, dass jemand ein paar Selbsthilfebücher gelesen hat oder das Thema privat interessant findet, sondern um eine echte Schulung und das nötige Wissen, wann und wohin eine Person weiterzuverweisen ist. Damit das wirklich funktionieren kann, müssen im Hintergrund entsprechende Strukturen bestehen, die tragen.

Genauso wichtig ist eine Form von Supervision, damit sich mehrere Ersthelfer untereinander austauschen können, sowie Datenschutz und Anonymität. Der große Vorteil ist: Beschäftigte müssen sich mit belastenden Themen nicht direkt vor der eigenen Führungskraft offenbaren. Das kann Hemmschwellen senken und damit einen kleinen Beitrag leisten. Ein Allheilmittel ist es aber auf keinen Fall. Es darf dabei nicht dazu führen, dass zu viel Erwartungsdruck auf den Ersthelfern lastet oder das Gefühl entsteht, das Thema sei damit erledigt. Es ist, wie der Name schon sagt, eine Erste Hilfe und eine Stütze bei der Orientierung - also ein Anfang im Prozess.

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Der erste Schritt: Fragen stellen

Wenn ein HR-Verantwortlicher morgen nur eine einzige Sache anstoßen könnte, wäre meine Antwort: den richtigen Personen die richtigen Fragen stellen.

Viele HR- und BGM-Bereiche sind überzeugt, dass sie genau wissen, was ihre Leute brauchen, setzen ein Konzept auf und wundern sich hinterher über den Gegenwind. Der erste Schritt ist nicht, zu beschließen, was gebraucht wird, sondern: Fragen stellen.

Konkret heißt das, die Beschäftigten selbst zu fragen: in welchem Bereich wünscht ihr euch eine Weiterbildung? Wo braucht ihr mehr Wissen? Wo wäre es sinnvoll, jemanden von außen hinzuzuholen und wo gibt es vielleicht interne Expertise? So kommt man an die eigentliche Wurzel, statt an den Menschen vorbei zu planen, und kann echten Bedarf aufdecken.

Zwei weitere Dinge kommen aus meiner Erfahrung oft zu kurz. Zuerst: gemeinsame Aktivitäten außerhalb der Arbeit. Sie müssen nicht groß sein, schaffen aber positive Assoziationen, geben die Möglichkeit für soziale Sicherheit und Austausch und damit für Ressourcen gegen Stress. Zweitens: der Wunsch nach 1:1-Beratung. Viele Teilnehmer*innen möchten sich nicht in einem Workshop vor allen offenbaren müssen, auch wenn die Impulse gut und sinnvoll sind. Darum bin ich Fan von einem Mix: ein Tag mit Keynotes und Workshops mit gut gewählten Impulsen, ergänzt durch offene Beratung, ca. 45 Minuten pro Person, vorher vorab buchbar, vertraulich. So setzt man Impulse, die wirklich landen können, und ermöglicht die individuelle Umsetzung.

Fazit: Pflicht wird Wirkung, wenn Mensch im Mittelpunkt steht

Psychische Belastung am Arbeitsplatz ist 2026 kein Nischenthema mehr, sondern rückt durch die EU-Kampagne und die bestehende gesetzliche Pflicht klar in den Fokus. Ob daraus echte Veränderung wird, entscheidet sich nicht am Prozess, sondern erst an der Haltung. Es braucht Führungskräfte, die zuhören und unbequeme Wahrheiten aushalten, klare Verantwortlichkeiten und den Mut, Beschäftigte selbst zu fragen, was sie brauchen. Wer hier ehrlich ansetzt, macht aus einer formalen Pflicht ein echtes Instrument für gesündere Arbeit.

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Häufige Fragen zu psychischer Belastung am Arbeitsplatz

Was ist psychische Belastung am Arbeitsplatz?

Psychische Belastung bezeichnet im Arbeitsschutz alle Einflüsse, die von außen auf die Psyche der Beschäftigten einwirken, etwa Zeitdruck, Verantwortung, unklare Aufgaben oder das soziale Miteinander. Der Begriff ist zunächst neutral. Erst wenn die Einflüsse dauerhaft zu hoch oder ungünstig gestaltet sind, spricht man von einer Fehlbelastung, die die Gesundheit gefährden kann.

Warum rückt psychische Belastung am Arbeitsplatz 2026 stärker in den Fokus?

Mehrere Entwicklungen treffen zusammen. Die Belastungszahlen steigen, psychische Erkrankungen sind in einigen Regionen bereits der häufigste Krankschreibungsgrund, und im Oktober 2026 startet die dreijährige EU-Kampagne zu psychischer Gesundheit bei der Arbeit. Gleichzeitig ist die Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung längst Pflicht. Für Unternehmen ist das ein guter Anlass, die eigenen Maßnahmen jetzt zu überprüfen.

Was bedeutet die EU-Kampagne für Unternehmen?

Die EU-OSHA-Kampagne „Gemeinsam für psychische Gesundheit bei der Arbeit“ startet im Oktober 2026 und läuft bis 2028. Sie schärft das Bewusstsein für psychosoziale Risiken und stellt Unternehmen kostenlose Leitfäden und Instrumente zur Verfügung. Für Betriebe ist sie ein guter Anlass, die eigene Gefährdungsbeurteilung und ihre Maßnahmen zur psychischen Gesundheit zu überprüfen.

Was können Führungskräfte gegen psychische Belastung tun?

Der wirksamste Hebel ist echtes Zuhören, auch wenn dabei unbequeme Antworten kommen. Dazu gehört, einzugestehen, dass das eigene Unternehmen nicht perfekt ist, und Themen ernst zu nehmen, statt sie aufzuschieben. Es gibt nicht die eine Maßnahme, sondern viele Ansatzpunkte, die sich nur durch Zuhören erkennen lassen.

Bringen mentale Ersthelfer im Betrieb etwas?

Der Ansatz ist sinnvoll, wenn die nötige Struktur und Ausbildung vorhanden sind. Wichtig sind eine fundierte Schulung, klare Grenzen, Weiterverweismöglichkeiten, Supervision sowie Datenschutz und Anonymität. Mentale Ersthelfer sind aber kein Allheilmittel und dürfen nicht unter zu hohem Erwartungsdruck stehen.

Was ist der erste Schritt für Unternehmen?

Der beste erste Schritt ist, die Beschäftigten selbst zu fragen, statt an ihnen vorbei zu planen. Fragen nach Weiterbildungswünschen, Wissenslücken und dem Bedarf an externer Unterstützung führen zu passgenauen Maßnahmen. Ergänzend helfen gemeinsame Aktivitäten außerhalb der Arbeit und die Möglichkeit einer vertraulichen Eins-zu-eins-Beratung.

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