Psychische Erkrankungen sind in NRW jetzt häufigster Krankschreibungsgrund
Der Krankenstand in Nordrhein-Westfalen ist im ersten Halbjahr 2026 leicht gesunken, auf 5,6 Prozent. Hinter dieser ruhigen Gesamtzahl steckt eine deutliche Verschiebung: Die Fehltage durch psychische Erkrankungen sind um 9 Prozent gestiegen und liegen jetzt vor Muskel-Skelett-Erkrankungen und Atemwegsinfekten. Damit sind psychische Erkrankungen erstmals der häufigste Grund für Krankschreibungen in NRW. Das zeigt die aktuelle Krankenstandsanalyse der DAK-Gesundheit, durchgeführt vom IGES-Institut und veröffentlicht Ende Juli 2026.

Für uns als BGM-Dienstleister mit Schwerpunkt mentale Gesundheit ist das kein überraschender Ausreißer, sondern die Bestätigung einer Entwicklung, die wir seit Monaten in Betrieben sehen. Die Zahlen geben ihr jetzt einen amtlichen Rahmen.
Krankenstand NRW 2026: die wichtigsten Zahlen im Überblick
Für die Analyse hat das Berliner IGES-Institut die Daten von rund 385.000 erwerbstätigen DAK-Versicherten in NRW ausgewertet. Die wichtigsten Ergebnisse für das erste Halbjahr 2026:
- Der Krankenstand lag bei 5,6 Prozent und damit 0,1 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert von 5,7 Prozent. An jedem Tag zwischen Januar und Juni waren im Schnitt 56 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben.
- Die Fehltage durch psychische Erkrankungen wie Depressionen stiegen von 185 auf 202 Tage je 100 Beschäftigte, ein Plus von 9 Prozent.
- Atemwegserkrankungen gingen deutlich zurück, von 222 auf 178 Tage je 100 Beschäftigte, ein Minus von rund 20 Prozent.
- Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen legten um 4 Prozent zu, von 177 auf 184 Tage je 100 Beschäftigte.
- Die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung stieg leicht, von 9,6 auf 9,7 Tage.
Die Rangfolge hat sich damit gedreht. Psychische Erkrankungen stehen mit 202 Fehltagen je 100 Beschäftigte an der Spitze, vor Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 184 und Atemwegsinfekten mit 178 Tagen.
Warum der sinkende Krankenstand in die Irre führt
Ein sinkender Gesamtkrankenstand liest sich zunächst gut. Der Rückgang geht aber fast vollständig auf weniger Atemwegsinfekte zurück, also auf kurze, akute Erkrankungen. Die psychischen Erkrankungen bewegen sich in die Gegenrichtung, und sie verursachen deutlich längere Ausfälle. Wer wegen einer depressiven Episode oder einer Erschöpfungsreaktion ausfällt, fehlt im Schnitt weit länger als bei einer Erkältung. Das erklärt, warum die durchschnittliche Krankschreibungsdauer trotz sinkendem Krankenstand sogar leicht gestiegen ist.
Für Unternehmen verschiebt sich damit die Art der Belastung. Weg von vielen kurzen Ausfällen, hin zu wenigen, dafür langen und planungsintensiven. Genau diese langen Ausfälle treffen Teams am härtesten, weil Vertretung, Übergabe und Wiedereinstieg aufwendiger sind und die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen die Lücke über Wochen tragen.
Was der Trend für Arbeitgeber in NRW bedeutet
Berit Schoppen, DAK-Landeschefin in NRW, wertet den gesunkenen Krankenstand als positives Signal, betont aber, dass Investitionen in Prävention, Gesundheitsförderung und gute Arbeitsbedingungen unverzichtbar bleiben. Zusätzlich sieht sie in der geplanten Teilkrankschreibung ein Instrument, das einen stufenweisen Wiedereinstieg erleichtern kann.
Für dich als Arbeitgeber steckt darin eine klare Botschaft. Wenn psychische Erkrankungen der Fehlzeitengrund Nummer eins sind, reicht ein BGM, das sich auf Rücken, Bewegung und Ernährung beschränkt, nicht mehr aus. Mentale Gesundheit gehört ins Zentrum, nicht an den Rand. Und weil psychische Belastung sich früh und leise ankündigt, entscheidet vor allem, wie schnell Warnsignale erkannt und wie niedrigschwellig Angebote zugänglich sind.
Was Arbeitgeber gegen psychisch bedingte Fehlzeiten tun können
Die gute Nachricht: Ihr müsst dafür kein komplettes Gesundheitsmanagement über Nacht aufbauen. Diese vier Hebel wirken schnell und lassen sich schrittweise vertiefen.
Führungskräfte für Warnsignale sensibilisieren
Direkte Vorgesetzte bemerken Veränderungen zuerst. Wenn sie Warnsignale einordnen und angemessen reagieren können, sinkt die Schwelle für frühe Gespräche. Ein kompakter Impuls oder eine Keynote ist hier oft der wirksamste Einstieg.
Niedrigschwellige Angebote zur mentalen Gesundheit schaffen
Kurze, alltagstaugliche Angebote werden eher angenommen als aufwendige Programme. Workshops zu Stressbewältigung und innerer Stärke, entspannte Pausen im Arbeitsalltag oder ein Gesundheitstag mit mentalem Schwerpunkt bringen das Thema sichtbar und ohne Stigma in den Betrieb.
Psychologische Sicherheit im Team stärken
Teams, in denen offen über Belastung gesprochen werden darf, fangen Probleme früher auf. Das ist Kulturarbeit und einer der stärksten Schutzfaktoren gegen lange Ausfälle.
Wiedereinstieg nach psychischen Erkrankungen strukturieren
Wer nach einer psychischen Erkrankung zurückkommt, braucht einen strukturierten und schrittweisen Wiedereinstieg. Genau hier setzt auch die diskutierte Teilkrankschreibung an.
Wie ein Einstieg in 90 Tagen aussehen kann, haben wir im Leitfaden Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz: Wie Unternehmen in 90 Tagen starten Schritt für Schritt beschrieben. Was ein psychisch bedingter Ausfall kostet und welche Maßnahmen Fehlzeiten nachweislich senken, liest du im Beitrag Psychisch bedingte Fehlzeiten reduzieren.
Häufige Fragen zum Krankenstand in NRW 2026
Was ist 2026 der häufigste Krankschreibungsgrund in NRW?
Im ersten Halbjahr 2026 sind psychische Erkrankungen wie Depressionen erstmals der häufigste Grund für Krankschreibungen in NRW. Sie liegen mit 202 Fehltagen je 100 Beschäftigte vor Muskel-Skelett-Erkrankungen und Atemwegsinfekten.
Wie hoch ist der Krankenstand in NRW im ersten Halbjahr 2026?
Der Krankenstand lag bei 5,6 Prozent und damit 0,1 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. An einem durchschnittlichen Tag waren 56 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben.
Warum steigen psychische Erkrankungen, obwohl der Krankenstand sinkt?
Der gesunkene Krankenstand geht vor allem auf 20 Prozent weniger Atemwegsinfekte zurück, also kurze Erkrankungen. Psychische Erkrankungen nehmen dagegen zu und verursachen längere Ausfälle. Deshalb ist auch die durchschnittliche Krankschreibungsdauer gestiegen.
Was können Arbeitgeber gegen psychisch bedingte Fehlzeiten tun?
Wirksam sind vor allem geschulte Führungskräfte, die Warnsignale früh erkennen, niedrigschwellige Angebote zu Stress und mentaler Gesundheit, eine offene Gesprächskultur sowie ein strukturierter Wiedereinstieg nach längeren Ausfällen.
Sind BGM-Maßnahmen zur mentalen Gesundheit förderfähig?
Zertifizierte Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung können nach § 20 SGB V durch die gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst werden. Welche Förderwege es gibt, erklären wir im Überblick zur BGM-Förderung.
Passende Angebote, die dich interessieren könnten
Diese BGM-Maßnahmen vertiefen das, was du gerade gelesen hast, und lassen sich direkt in deinem Unternehmen umsetzen.

