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28.09.2026

Präsentismus: Warum Beschäftigte krank zur Arbeit gehen und was Arbeitgeber dagegen tun können

Präsentismus bezeichnet das Verhalten von Beschäftigten, trotz Krankheit oder gesundheitlicher Beschwerden zu arbeiten, im Betrieb ebenso wie im Homeoffice. Laut der Studie „Arbeiten 2025“ der Pronova BKK gehen 45 Prozent der Beschäftigten trotz Rückenschmerzen zur Arbeit, jeweils 35 Prozent tun das bei leichter Erkältung oder psychischer Belastung. Präsentismus verzögert die Genesung, erhöht das Ansteckungsrisiko und verursacht Kosten, die in keiner Fehlzeitenstatistik auftauchen.

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Autorenfoto von Isabel Voß
Paula Menninghaus
Paula ist CEO und Co-Founderin von Strong Partners GmbH sowie TEDx-Speakerin mit über 50 Keynotes zu Resilienz, BGM-Strategie und Führung. Ihre Perspektive auf betriebliches Gesundheitsmanagement ist geprägt durch 8 Jahre Einsatzerfahrung als Rettungssanitäterin. Ausgezeichnet mit dem RX Female Award 2024 und dem Women in Business Leadership Award 2025.
Coach von Strong Partners erklärt in einem Workshop zu mentaler Gesundheit, wie Ressourcen im Umgang mit Stress und Präsentismus helfen

Mit dem Herbst beginnt die Erkältungssaison, und die Krankenstände steigen wieder. Wie unser Beitrag zu stillen Ausfällen im Sommer zeigt, liegen die Höchstwerte regelmäßig in den Monaten Oktober bis Dezember und Januar bis März. Genau dann wird Präsentismus zum Risiko für ganze Teams. Parallel läuft die politische Debatte um die AU-Pflicht ab dem ersten Krankheitstag. Eine neue europaweite Studie der Universität Bamberg rät dazu, auch die Beschäftigten in den Blick zu nehmen, die trotz Krankheit arbeiten.

Was ist Präsentismus?

Präsentismus ist das Arbeiten trotz Krankheit. Der Begriff geht auf das englische „presenteeism“ zurück und bildet das Gegenstück zum Absentismus, also dem Fernbleiben von der Arbeit. Präsentismus umfasst Beschäftigte, die mit Infekt, Schmerzen oder psychischer Erschöpfung in den Betrieb kommen, und ebenso diejenigen, die krank vom Sofa aus E-Mails beantworten. Die Techniker Krankenkasse hat gemeinsam mit dem Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) eigens untersucht, wie sich Präsentismus im Homeoffice zeigt und welche Gründe dahinterstehen.

Präsentismus und Absentismus treten oft nebeneinander auf. In der Pronova-Studie gaben 60 Prozent der Befragten an, sich schon einmal krankgemeldet zu haben, obwohl sie arbeitsfähig waren. Beide Verhaltensweisen sind Signale dafür, dass Belastung, Kultur oder Führung im Unternehmen genauer betrachtet werden sollten.

Wie verbreitet ist Präsentismus in Deutschland?

Für die repräsentative Studie „Arbeiten 2025“ hat die Pronova BKK im Oktober 2025 insgesamt 1.230 Beschäftigte befragt. Am häufigsten arbeiten Menschen trotz körperlicher Beschwerden am Bewegungsapparat.

Arbeiten trotz Beschwerden in Deutschland

Beschwerde Anteil, der trotzdem arbeitet
Rückenschmerzen 45 Prozent
Leichte Erkältung 35 Prozent
Psychische Belastung 35 Prozent

Die Daten stammen aus der Pronova-Studie „Arbeiten 2025“ mit Befragungszeitraum Oktober 2025. Einen europäischen Vergleich liefert die Studie der Universität Bamberg, die Daten von knapp 20.000 Beschäftigten aus 35 Ländern ausgewertet hat. Beschäftigte in Deutschland arbeiten demnach an 21 Prozent ihrer Krankheitstage weiter. In Spanien, Frankreich und im Vereinigten Königreich liegt dieser Anteil bei über 55 Prozent.

Meine Einschätzung: Die Zahlen zeigen, wie selbstverständlich es für viele geworden ist, mit Beschwerden einfach weiterzuarbeiten. Für Unternehmen ist das ein Warnsignal, weil diese Belastungen oft erst sichtbar werden, wenn aus Rückenschmerzen oder Erschöpfung ein langer Ausfall geworden ist.

Ursachen: Warum Beschäftigte krank zur Arbeit gehen

Präsentismus hat selten nur einen Grund. Meist kommen persönliche Motive und betriebliche Rahmenbedingungen zusammen.

Arbeitsverdichtung und fehlende Vertretung

Wer weiß, dass die eigene Arbeit liegen bleibt oder auf Kolleginnen und Kollegen abgewälzt wird, geht eher krank zur Arbeit. Die Pronova-Studie nennt Überstunden, Termindruck, körperliche Arbeit und ständige Erreichbarkeit als wichtige Belastungsfaktoren. Die Zufriedenheit mit dem eigenen Gesundheitszustand hat sich laut Studie im Vergleich zu 2023 um sechs Prozentpunkte verschlechtert.

Rechtfertigungsdruck und Misstrauen im Team

Die Pronova-Studie zeigt auch ein Klima gegenseitiger Verdächtigung. Mehr als die Hälfte der Befragten vermutet zumindest gelegentlich, dass jüngere Teammitglieder zu Hause bleiben, obwohl sie arbeitsfähig wären. In einem solchen Klima fällt es schwer, sich krankzumelden, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Wie Teams eine Kultur schaffen, in der Beschwerden offen angesprochen werden können, beschreibt unser Beitrag zur psychologischen Sicherheit im Team.

Finanzielle Sorgen

Die Bamberger Forschenden fanden einen deutlichen Zusammenhang zwischen Lohnfortzahlung und Präsentismus. In Ländern, in denen Beschäftigte ab dem ersten Krankheitstag für mindestens zwei Wochen mindestens 80 Prozent ihres Lohns erhalten, lag der Anteil der Krankheitstage mit Arbeit im Schnitt um acht Prozentpunkte niedriger. Besonders stark war der Effekt bei älteren Beschäftigten, bei Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten und in ungelernten Tätigkeiten, außerdem in der Industrie und der öffentlichen Verwaltung.

Pflichtgefühl und hohe Identifikation

Präsentismus ist nicht immer ein Zeichen von Unzufriedenheit. Laut Apotheken Umschau zeigen Daten der Pronova BKK, dass Menschen umso häufiger trotz Krankheit arbeiten, je zufriedener sie mit ihrer Arbeit sind. Gerade engagierte Beschäftigte brauchen deshalb ein klares Signal, dass Auskurieren erwünscht ist.

Folgen und Kosten von Präsentismus

Wer krank arbeitet, riskiert eine längere Genesung und eine Chronifizierung der Beschwerden. Bei Infekten steckt er zusätzlich Kolleginnen und Kollegen an, die dann selbst ausfallen. Nach Einschätzung der AOK deutet vieles darauf hin, dass die Kosten für Präsentismus deutlich höher liegen als die Kosten für krankheitsbedingte Fehlzeiten. Die AOK verweist dafür auf eine Auswertung deutscher und europäischer Studien in der Fachzeitschrift ASU.

Hinzu kommt die Wirkung über längere Zeit. Eine Studie der TU Chemnitz, über die die Apotheken Umschau berichtet, hat Präsentismus über mehrere Wochen hinweg beobachtet und zeigt, dass das Arbeiten trotz Krankheit länger an den Kräften zehrt als gedacht. Für Unternehmen bedeutet das weniger Konzentration, mehr Fehler und ein höheres Risiko, dass aus kurzen Beschwerden lange Ausfälle werden.

Präsentismus in der Debatte um die Attestpflicht

Die Koalition hat im Juli 2026 angekündigt, eine ärztliche Bescheinigung ab dem ersten Krankheitstag zur Pflicht zu machen. Einen Gesetzentwurf gibt es dazu bislang nicht. Die Diskussion konzentriert sich vor allem auf Krankmeldungen und Fehlzeiten. Die Bamberger Forschenden halten es für wichtig, auch die Folgen von Präsentismus zu berücksichtigen, weil Arbeiten trotz Krankheit die Genesung verzögern und bei Infekten das Ansteckungsrisiko erhöhen kann.

Für Arbeitgeber folgt daraus eine praktische Erkenntnis. Wie oft Beschäftigte krank zur Arbeit kommen, hängt stark von Kultur, Arbeitsorganisation und Führung im eigenen Betrieb ab, und diese Faktoren lassen sich unabhängig von gesetzlichen Regeln gestalten.

Woran Arbeitgeber Präsentismus erkennen

Präsentismus taucht in keiner Fehlzeitenstatistik auf. Hinweise liefern andere Beobachtungen: Beschäftigte mit deutlich sichtbaren Symptomen im Büro, Infektwellen, die sich durch ein Team ziehen, oder eine niedrige Fehlzeitenquote bei gleichzeitig steigender Fehlerquote und Erschöpfung. Verlässlich messen lässt sich Präsentismus über anonyme Mitarbeiterbefragungen, etwa mit der Frage, an wie vielen Tagen der letzten zwölf Monate jemand trotz Krankheit gearbeitet hat. Die psychische Gefährdungsbeurteilung bietet dafür einen passenden Rahmen, und die Ergebnisse lassen sich als BGM-Kennzahl über die Jahre verfolgen.

Was Arbeitgeber gegen Präsentismus tun können

Führungskräfte als Vorbild

Führungskräfte prägen, ob Krankmeldungen im Team als legitim gelten. Wer selbst krank im Meeting sitzt, sendet ein stärkeres Signal als jede Richtlinie. Hilfreich sind klare Sätze im Team, etwa dass Erkrankte sich auskurieren und die Vertretung geregelt wird. Programme für gesunde Führung helfen Führungskräften, diese Rolle bewusst auszufüllen und Warnsignale zu erkennen, wie sie auch unser Beitrag zum Thema Burnout erkennen beschreibt.

Meine Einschätzung: Ob sich jemand krankmeldet, entscheidet sich oft an der Haltung im Team. Wenn Führungskräfte offen sagen, dass Auskurieren erwünscht ist, und selbst danach handeln, nimmt das spürbar Druck heraus. Diese Haltung wirkt stärker als jede Richtlinie.

Klare Absprachen für Krankheit im Homeoffice

Im Homeoffice verschwimmt die Grenze zwischen Schonung und Arbeit besonders leicht. Viele Beschäftigte melden sich bei leichten Beschwerden gar nicht erst krank, weil sie ja von zu Hause arbeiten können. Andere sind krankgeschrieben und beantworten trotzdem E-Mails, weil im Team weiter Nachrichten eingehen. Hilfreich ist deshalb eine offene Absprache im Team, die drei Punkte klärt. Wer sich krank fühlt, entscheidet über eine Krankmeldung unabhängig davon, ob er im Büro oder zu Hause arbeiten würde. Wer krankgemeldet ist, bekommt keine Anfragen und setzt eine Abwesenheitsnotiz. Und Führungskräfte fragen bei Erkrankten nur nach dem Befinden, nicht nach Aufgaben.

Vertretung und Arbeitsverteilung planen

Präsentismus entsteht oft dort, wo Arbeit ohne Vertretung liegen bleibt. Feste Vertretungsregeln, geteiltes Wissen im Team und realistische Arbeitspakete senken den Druck, krank zu erscheinen. In der Erkältungssaison lohnt es sich, Fristen und Projektplanung mit etwas Puffer zu versehen.

Infektschutz in der Erkältungssaison

Ein klares Signal, dass ansteckende Beschäftigte zu Hause bleiben, schützt das ganze Team. Ergänzend helfen gut belüftete Räume, Handhygiene und die Möglichkeit, Besprechungen bei Erkältungswellen online abzuhalten.

Mentale Unterstützung für engagierte Beschäftigte

Gerade Beschäftigte mit hohem Pflichtgefühl und starker Identifikation arbeiten häufig trotz Krankheit weiter. Sie brauchen vor allem Unterstützung dabei, eigene Grenzen wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Die Pronova BKK betont in ihrer Studie, dass Engagement nicht in Selbstaufopferung übergehen sollte, weil sonst die körperliche und psychische Gesundheit gefährdet ist. Hilfreich sind Formate, die Selbstfürsorge und den Umgang mit Leistungsdruck stärken, etwa Mental-Health-Workshops oder ein Resilienztraining für Teams mit hoher Arbeitsdichte. Ergänzend sollten Beschäftigte wissen, an wen sie sich bei Überlastung wenden können, zum Beispiel an Führungskraft, Personalabteilung oder ein externes Beratungsangebot.

Prävention an den häufigsten Beschwerden

Rückenschmerzen sind laut Pronova-Studie der häufigste Grund, trotz Beschwerden zu arbeiten. Regelmäßige Bewegungsformate wie die Bewegte Pause oder ein zertifizierter Rückenkurs beugen Muskel-Skelett-Beschwerden vor und lassen sich direkt in den Arbeitsalltag einbauen. Für psychische Belastung, den zweithäufigsten Grund, bieten Workshops zu Stressmanagement praxisnahe Strategien.

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Fazit: Präsentismus beginnt bei Kultur und Führung

Präsentismus ist in Deutschland weit verbreitet und kostet Unternehmen nach aktueller Studienlage mehr als Krankmeldungen, weil er Genesung verzögert, Ansteckungen fördert und in keiner Statistik auftaucht. Mit der Erkältungssaison steigt dieses Risiko für ganze Teams. Die wirksamsten Hebel liegen im eigenen Betrieb: Führungskräfte, die Auskurieren vorleben, klare Regeln für Krankheit im Homeoffice, geregelte Vertretungen und Prävention an den häufigsten Beschwerden. Der nächste sinnvolle Schritt ist, in der nächsten Mitarbeiterbefragung nach Arbeiten trotz Krankheit zu fragen und so eine Ausgangslage zu schaffen.

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Häufige Fragen zu Präsentismus

Was ist Präsentismus einfach erklärt?

Präsentismus bedeutet, dass Beschäftigte trotz Krankheit oder gesundheitlicher Beschwerden arbeiten. Das gilt für den Arbeitsplatz im Betrieb genauso wie für das Homeoffice. Häufige Beispiele sind Arbeiten mit Rückenschmerzen, mit einer Erkältung oder trotz starker psychischer Belastung. Der Begriff stammt vom englischen „presenteeism“.

Was ist der Unterschied zwischen Präsentismus und Absentismus?

Absentismus bezeichnet das Fernbleiben von der Arbeit, meist durch Krankmeldungen, und taucht in der Fehlzeitenstatistik auf. Präsentismus ist das Gegenteil, also Anwesenheit trotz Krankheit, und bleibt in den Statistiken unsichtbar. Beide Verhaltensweisen treten oft im selben Unternehmen auf. In der Pronova-Studie „Arbeiten 2025“ haben sich 60 Prozent schon einmal krankgemeldet, obwohl sie arbeitsfähig waren.

Wie viele Beschäftigte gehen in Deutschland krank zur Arbeit?

Laut der Pronova-Studie „Arbeiten 2025“ gehen 45 Prozent der Beschäftigten trotz Rückenschmerzen zur Arbeit, jeweils 35 Prozent bei leichter Erkältung oder psychischer Belastung. Eine europaweite Studie der Universität Bamberg zeigt, dass Beschäftigte in Deutschland an 21 Prozent ihrer Krankheitstage weiterarbeiten. In Spanien, Frankreich und im Vereinigten Königreich liegt dieser Anteil bei über 55 Prozent.

Warum ist Präsentismus teurer als Fehlzeiten?

Wer krank arbeitet, leistet weniger, macht mehr Fehler und braucht oft länger, um gesund zu werden. Bei Infekten stecken sich zudem Kolleginnen und Kollegen an. Aus kurzen Beschwerden können so längere Ausfälle werden. Nach Einschätzung der AOK deutet die Studienlage darauf hin, dass die Kosten für Präsentismus deutlich über denen für krankheitsbedingte Fehlzeiten liegen.

Muss man krankgeschrieben im Homeoffice arbeiten?

Nein. Wer arbeitsunfähig krankgeschrieben ist, muss auch im Homeoffice nicht arbeiten. Arbeitgeber dürfen arbeitsunfähig erkrankte Beschäftigte nicht einseitig zur Arbeit auffordern oder verpflichten. Eine schriftliche Regel im Unternehmen, dass eine Krankschreibung auch im Homeoffice gilt, schafft Klarheit für alle Beteiligten.

Was können Führungskräfte gegen Präsentismus tun?

Führungskräfte wirken vor allem als Vorbild, indem sie sich selbst auskurieren und im Team offen sagen, dass Erkrankte zu Hause bleiben sollen. Wichtig sind außerdem feste Vertretungsregeln, damit Arbeit nicht liegen bleibt. Hilfreich ist ein Team-Klima, in dem Krankmeldungen ohne Rechtfertigungsdruck möglich sind. In der Erkältungssaison lohnt es sich, Fristen mit etwas Puffer zu planen.

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